Verlorene generation?

Man liest zurzeit viel von der aktuellen verlorenen Generation. So machen die verlorenen Präsenzzeiten für Schüler:innen an den Schulen und der damit einhergehende Verlust von Lehrinhalten aus den aktuellen Jahrgängen eine verlorene Generation. Sie lernen einfach nicht mehr genug in der für die Inhalte vorgesehenen Zeit. Das, was jetzt versäumt wird, muss also in den nächsten Jahren noch irgendwie reingeschoben werden. Aber es lässt sich wohl nichts mehr aufholen – liest man weiter. Verspielt ist verspielt. Diese Menschen haben einen großen Nachteil für ihr gesamtes weiteres Leben. Und die Jahrgänge, die letztes und dieses Jahr Abitur oder die mittlere Reife abgeschlossen haben bzw. im Frühjahr abschließen werden, machen einen Abschluss mit der Fußnote “Corona-Abschluss”. Es wird wie ein Stempel sein, eine Brandmarkung, eine Schublade. Vielleicht auch bei manchen als selbstbewusst getragenes Abzeichen, denn sie haben es ja trotz allem geschafft. Aber will man den Schreibern glauben, so werden diese jungen Menschen ein Leben lang ein geringeres Einkommen verbuchen, als das sie es hätten können – ohne Corona.

Wenn man nun aber vor allem von der verlorenen Generation spricht, dann spricht man pauschal von allen Schülern in dem Sinne, dass sie Bildungsdefizite aufweisen, die wohl nie wieder zu beheben sind. Und damit ist diese Generation bereits verloren.

Zunächst einmal sollte man sich aber eingestehen, dass man schlechterdings von der verlorenen Generation reden kann. Es gibt bundesweit in den gängigen Bildungswegen bis zu 13 Schuljahrgänge. Die Kinder sind zwischen etwa 6 und ca. 19 Jahren alt. Jedes Alter hat andere Bedürfnisse, Fähigkeiten, vorwiegende Stärken und hier und da auch Bereiche, die die Gesellschaft gern als Schwäche der Kinder tituliert. Schon aus diesem Grund ist es sehr unklar, was genau die verlorene Generation bedeutet oder wer genau damit gemeint ist.

Diese Jahrgänge befinden sich zudem in sehr verschiedenen Stadien im Durchlaufen eines Bildungswegs. Während die jüngsten eine Basis aufbauen, auf der wiederum alles Weitere aufbaut, konsolidieren die mittleren Jahrgänge ihren Wissenserwerb in den besten Jahren der Adoleszenz. Die dritte Gruppe bereitet sich zielorientiert auf ihre Abschlüsse vor. Für sie ist Schule nun absehbar. Sie sind die gereiftesten unter den Schüler:innen und setzen sich zumeist intensiv mit ihrer Zukunft auseinander. Jede Gruppe befindet sich also in einer zu den anderen Gruppen sehr verschiedenen Situation. Sie sind völlig unterschiedlich konstituiert und brauchen daher eine eigene Betrachtung. Man benötigt also dementsprechend verschiedene Herangehensweisen, um zu beurteilen, wer oder was durch die Corona-Krise ›verloren‹ ist.

Die nächste Frage ist, ob wirklich nur das fehlende Wissen Verlierer macht, weil ohne diesem der Zugang zur Berufsausbildung und zum Hochschulstudium erschwert ist und weil die Berufsschulen, Betriebe und Hochschulen noch nicht auf diese Situation vorbereitet sind? Diese Probleme ließen sich mit genügend politischen und praktischen Willen recht einfach lösen.

Desweiteren ist das Problem mit der Wissensvermittlung eben doch nur sekundär. Verlierer:innen gibt es quer durch alle drei Gruppen von Schüler:innen in völlig verschiedenen Kategorien. So verlieren sie gerade sozial, kommunikativ, zwischenmenschlich, körperlich und psychologisch hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung. Hinzurechnen muss man die Probleme der Schüler:innen aus sozial benachteiligten Familien. Diese Kinder und Jugendlichen sind bereits ohne Corona Verlierer:innen der Gesellschaft. Mit Corona potenziert sich ihre Benachteiligung und die jeweilige Problemlage in allen Bereichen. Hier zeigt sich, dass die jungen Menschen, die es sowieso schon schwer haben, durch Corona noch weiter abgehängt werden.



Die Schüler:innen der großen Gruppe finden ihren Weg durch die letzten Halbjahre und Prüfungen. Für sie gibt es bereits ein intensives Hilfesystem mit Berufseinstiegsbegleitern, Berufsberatung, Berufsorientierung, Schulsozialarbeit und Nachhilfeangeboten. Alle Abschlussschulen legen zudem besonderes Augenmerk auf ihre Abschlussjahrgänge und unterstützen gezielt und lösungsorientiert.

Die Grundschüler erwerben ihr Basiswissen, welches für alles weitere notwendig ist. Dieses Wissen ist ebenso für das praktische Leben von immensem Wert. Hier sollte intensiv angesetzt werden, um das Lernen von Lesen, Rechnen und Schreiben nicht verkümmern zu lassen. Und das sollte so angegangen werden, wie es die Kinder benötigen. Mit enorm viel Beziehungsarbeit, viel Kommunikation mit den Kindern als auch mit den Eltern, viel Video-Konferenzen, im Bedarfsfall auch mit Einzel-Video-Telefonie. Das Lernen muss besonders hier auf die wesentlichen Kernthemen reduziert werden und interessant gehalten werden. Denn ohne Schule im Schulgebäude vor realen Lehrern und mit Mitschülern fehlt der Schüler:in jeder Bezug zum geordneten Schul- und Lernleben.

Die mittlere Gruppe von Schüler:innen darf natürlich nicht vergessen werden. Die besondere Herausforderung ist, diese Altersgruppe weiter motiviert zu halten. Gerade in der Adoleszenz ist dies schwierig. Am ehesten scheint hier nützlich und angebracht zu sein, endlich den Rotstift am unberührbaren Lehrplan anzusetzen. Auch hier gilt, das Nötigste auf kreative Weise und damit interessant vermittelt hält Schüler:innen im Schulbann.

Es ist jetzt Zeit zu erkennen: der vollgepackte Lehrplan bringt mit Corona alle Beteiligten an ihre Grenzen. Lehrer:innen sehen sich pflichtbewusst gezwungen, die Inhalte zu vermitteln. Die Schüler:innen verzweifeln an der Lern- und Aufgabenlast im einsamen Kämmerlein. Eltern werden auf eine Zerreißprobe gestellt. Sie können nicht Arbeitnehmer:in, Hauswirtschaftskraft, Kindergärtner:in und Lehrer:in zugleich sein. Das Lehrerkorrektiv übernommen von Eltern kann zudem auf der Beziehungsebene zwischen Kind und Elternteil zu negativen Verschiebungen führen. Und wofür sollen alle Beteiligte diese irrsinnige Last durch die Pandemie schleppen? Nur damit das fehlende Wissen sowieso nicht aufgeholt werden kann und die sonstigen sozialen Verluste sich verstärken statt aktiv bearbeitet zu werden?

Bisher sollen wir unsere Kinder einsperren, und das nicht nur räumlich. Letztendlich sollte der Fokus nicht mehr ausschließlich auf der heiligen Wissensvermittlung liegen, sondern darauf, dass wir als Gesellschaft unsere Kinder und Jugendlichen trotz Pandemie und Lockdown zu gesellschaftsfähigen Menschen mit Teilhabefähigkeiten formen. Wir sollten ihre aktuellen Bedürfnisse ganz ihrem Alter entsprechend und ihrer Lebenswelt und Situation angemessen ernstnehmen und uns ihrer Probleme annehmen statt zu behaupten, das wird schon wieder, und bisher sind wir doch ganz gut durch die Krise gekommen. Wir sollten unseren Lehrer:innen die Pflicht des Lehrplandogmas nehmen und sie zu Partnern unserer kleinen ungesehenen Pandemie-Helden machen. So können wir psychische, soziale und zwischenmenschliche Schräglagen vermeiden und auf kreative Art und Weise diesen Kindern und Jugendlichen Raum zum Entfalten geben. Es lohnt sich, denn sie sind erfinderisch, wenn man ihnen die richtige Umgebung schafft. Sie sind wissensdurstig, wenn man sie nicht resignieren lässt. Sie sind aufnahmefähig, wenn man sie richtig an die Hand nimmt.

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